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Mentale Stärke & Fokus

Journaling: drei Zeilen am Abend für mehr Klarheit

Omviva Redaktion 6 Min. Lesezeit
Ein aufgeschlagenes Notizbuch und ein Stift auf einem Tisch bei Abendlicht

Irgendwann hat fast jede ein Notizbuch geschenkt bekommen, das zu schön war, um hineinzuschreiben. Es liegt dann im Regal, drei Seiten sind gefüllt, der Rest ist leer, und jedes Mal, wenn man es sieht, hat man das Gefühl, etwas nicht durchgehalten zu haben. Dabei ist nicht die Disziplin das Problem, sondern die Vorstellung davon, was Journaling angeblich sein muss: täglich, ausführlich, tiefgründig.

Es geht auch anders herum, und deshalb dieser Artikel. Er beschreibt ein Format, das in drei Minuten geht: drei Zeilen am Abend, immer dieselben drei Fragen. Dazu, woher die bekannteste Variante kommt und warum sie für viele zu gross ist, was du schreibst, wenn dir tagelang nichts einfällt, warum es nicht darauf ankommt, gut zu formulieren, und wann sich Begleitung lohnt. Journaling gehört bei uns in die Themenwelt Mentale Stärke & Fokus, dort zum Unterthema Fokus & Klarheit.

Wie du anfängst, ohne dir ein Ritual aufzuladen

Die bekannteste Form heisst Morgenseiten und stammt von Julia Cameron aus ihrem Buch «Der Weg des Künstlers». Die Regel dort ist streng: drei A4-Seiten, jeden Morgen, mit der Hand, alles, was kommt. Cameron empfiehlt sogar, das Geschriebene erst nach einigen Wochen wieder zu lesen, und viele lesen es nie. Der Zweck ist, an der inneren Stimme vorbeizuschreiben, die jeden Gedanken sofort bewertet.

Für Menschen, die schreiben wollen, ist das eine grossartige Methode. Für einen normalen Dienstagabend nach einem vollen Tag ist sie zu gross, und genau hier scheitern die meisten: nicht am Wollen, sondern an der Menge. Wer sich drei Seiten vornimmt und zwei Tage später keine schreibt, hört ganz auf.

Deshalb der umgekehrte Weg: mach es so klein, dass du es an einem schlechten Tag noch schaffst. Drei Zeilen genügen, eine pro Frage. Was war heute gut? Was hat mich beschäftigt? Was brauche ich morgen? Die Fragen bleiben immer dieselben, und das ist kein Detail, sondern der eigentliche Trick. Eine leere Seite verlangt eine Entscheidung, bevor du überhaupt angefangen hast. Drei feste Fragen verlangen nur eine Antwort.

Die drei Fragen haben je eine eigene Aufgabe, und es lohnt sich, sie zu kennen. «Was war heute gut» zwingt zu einer Suche, die man sonst nicht macht, und findet fast immer etwas, auch an einem mässigen Tag. «Was hat mich beschäftigt» ist das Ventil: hier darf stehen, was im Kopf kreist, ohne dass du es lösen musst. «Was brauche ich morgen» dreht den Blick nach vorn und macht aus dem Abend keinen Rückblick allein. Eine Sache, nicht fünf, sonst wird daraus eine To-do-Liste, und die hast du schon woanders.

Praktisch heisst das: leg das Heft dorthin, wo du abends sowieso bist, ans Bett oder auf den Küchentisch, und schreib von Hand. Handschrift ist langsamer als Tippen, und diese Langsamkeit ist hier ein Vorteil, weil sie dich beim ersten Gedanken bleiben lässt. Nimm das billigste Heft, das du findest. Ein schönes Buch erzeugt Anspruch, ein Schulheft nicht.

Und lass die Vollständigkeit weg. Kein Datum, wenn du keine Lust hast, keine Sätze, wenn Stichworte reichen, keine Nachträge für ausgelassene Tage. Ein Abend ohne ist kein Rückschritt, und drei Abende hintereinander ohne auch nicht. Du machst am nächsten einfach weiter.

Wenn dir nichts einfällt, und warum es nicht schön sein muss

Es gibt Abende, an denen dir zu allen drei Fragen nichts einfällt. Das ist der Moment, an dem die meisten aufhören, dabei ist er der unspektakulärste von allen: schreib hin, dass dir nichts einfällt. «Heute war nichts» ist eine gültige Antwort und braucht keine Rechtfertigung. Wenn du magst, häng eine Kleinigkeit an, die stimmt, auch wenn sie banal klingt. Der Kaffee war gut. Die Wohnung ist warm. Das reicht als Zeile.

Falls die Leere länger anhält, hilft ein Wechsel der Frage statt mehr Anstrengung. Nimm für eine Woche eine einzige: Was war heute anders als gestern? Oder: Was habe ich heute vermieden? Wichtig ist nur, dass sie danach wieder gleich bleibt, sonst suchst du jeden Abend eine neue und bist wieder bei der leeren Seite.

Und jetzt der Punkt, der am meisten Druck wegnimmt: es geht nicht ums schöne Schreiben. Niemand liest das. Keine ganzen Sätze nötig, keine Rechtschreibung, keine Reihenfolge, kein roter Faden. Wer sich beim Formulieren Mühe gibt, schreibt automatisch für ein Publikum, und dann kommt genau das nicht aufs Papier, worum es geht. Unleserlich ist in Ordnung. Durchgestrichen ist auch in Ordnung.

Zur Frage Papier oder App: beides geht, und der Unterschied ist kleiner, als die Diskussion vermuten lässt. Auf dem Papier bleibst du eher beim ersten Gedanken, am Handy bist du schneller wieder in einer Nachricht. Wenn du abends ohnehin schon am Bildschirm warst, ist ein Heft die angenehmere Wahl. Wenn du unterwegs schreibst und das Heft immer vergisst, nimm die App. Entscheidend ist, dass du nicht jeden Abend neu entscheidest.

Was viele nach ein paar Wochen berichten, ist weniger eine Wirkung als eine Nebenwirkung: Dinge, die sich im Kopf gross anfühlen, werden beim Aufschreiben oft kleiner, weil sie plötzlich eine Grösse haben. Und beim Zurückblättern nach einem Monat sieht man Muster, die einem im Alltag entgehen, etwa dass dieselbe Sache seit drei Wochen unter «Was hat mich beschäftigt» steht. Das ist dann eine brauchbare Information, und manchmal der Anstoss, mit jemandem darüber zu reden.

Damit zur Grenze: Journaling ordnet, es klärt nicht auf. Wenn dieselbe Sache lange bleibt und schwerer wird, ist das ein guter Zeitpunkt für Begleitung, sei es ein Coaching zu Fokus und Orientierung oder, wenn es um mehr geht, therapeutische Unterstützung. Mentaltraining und Achtsamkeit ersetzen keine Psychotherapie.

Fazit

Journaling scheitert selten an der Zeit und fast immer an der Grösse des Vorsatzes. Drei Zeilen mit drei festen Fragen sind klein genug, um an einem müden Abend zu funktionieren, und das ist der einzige Massstab, der zählt. Nimm ein billiges Heft, schreib von Hand, und lass die Abende aus, an denen es nicht geht. Wenn du nach vier Wochen zurückblätterst, weisst du mehr über deine Wochen als vorher.

Häufig gestellte Fragen

Muss ich jeden Tag schreiben, damit es etwas bringt?

Nein. Regelmässig hilft, täglich ist nicht nötig, und ausgelassene Abende musst du nicht nachholen. Wer sich täglich vornimmt und nach vier Tagen aussetzt, hört meistens ganz auf, deshalb ist es besser, von Anfang an mit drei bis vier Abenden pro Woche zu rechnen. Was hilft, ist nicht die Anzahl, sondern dass Ort, Heft und Fragen gleich bleiben.

Abends oder morgens?

Beides funktioniert, und die Frage entscheidet, was du davon hast. Am Abend sortierst du den Tag, der hinter dir liegt, und viele finden es leichter, danach abzuschalten. Am Morgen schreibst du dir den Kopf frei, bevor der Tag beginnt, so sind auch die Morgenseiten gedacht. Fang mit dem an, das dir näher liegt, und wechsle nicht dauernd hin und her.

Was mache ich mit den vollgeschriebenen Heften?

Aufheben oder wegwerfen, beides ist richtig. Julia Cameron empfiehlt, das Geschriebene erst nach einigen Wochen wieder zu lesen, und viele lesen es nie. Wenn du zurückblätterst, dann mit Abstand, sonst bewertest du frische Einträge sofort. Wenn dich der Gedanke stört, dass jemand mitlesen könnte, nimm ein Heft, das du wegschliessen kannst, oder wirf die Seiten weg, sobald sie voll sind.

Kann Journaling ein Gespräch mit einer Fachperson ersetzen?

Nein. Journaling ist ein Werkzeug zum Sortieren, und es ist gut darin. Es ersetzt kein Gespräch, keine Beratung und keine Therapie. Wenn dich dieselbe Sache über Wochen beschäftigt oder wenn es dir zunehmend schlechter geht, such dir jemanden zum Reden. Bei psychischen Erkrankungen ist therapeutische Begleitung der richtige Weg, und die Aufzeichnungen können dort sogar nützlich sein.

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